Gabun Teil 5: Von Red River Hogs, Safou und Attieke

Die Ernüchterung ist groß. Jegliche Mühe in Gabun das unberührte Naturerlebnis und außergewöhnliche Tierbegegnungen zu erfahren, sind fehlgeschlagen. Der Naturreichtum des Landes ist gigantisch, doch touristisch nicht erschlossen und wohl nur mit entsprechender Geduld, Zeit und Entbehrungen zu erleben. Die Frage nach dem „wie lange noch?“ stellt sich uns dabei stets, bei dem Anblick der vielen Holztransporter und ausländischen Machenschaften, die den Tropenwäldern und damit dem Zuhause dieser vielfältigen Flora und Fauna Gabuns zu Leibe rücken. Die Jagd nach Tropenholz und Profit scheint hier erst aufzuhören, wenn der letzte Baum gerodet ist und der nicht oder nur sehr langsam nachwachsende Rohstoff verschwunden ist.

Mit diesen Gedanken im Kopf und knurrendem Magen machen wir uns an diesem Morgen wieder auf, um mit Rotkäppchen zurück nach Panga zu kurven. Und wie so oft auf dieser Reise, wenn man gerade nicht mehr an ein versöhnliches Ende glauben mag, sehen wir sie: braune Waldelefanten beim Grasen vor dem kleinen Wald, der die Landschaft vom Blick aufs offene Meer trennt.

Auch wenn die Dickhäuter nicht nahe an der Straße stehen, fühlt sich ihre Sichtung gigantisch an. Nach so vielen Sackgassen erhalten wir endlich einen Lohn für unsere Beharrlichkeit. Die riesigen Tiere riechen allerdings schnell, dass sich Zuschauer in ihrer Nähe befinden. Vor allem die Tatsache, dass sich Jungtiere bei der kleinen Herde befinden, treibt die Dickhäuter dazu, nachdem sie noch genüsslich ein paar letzte saftigen Gras- und Gestrüppbüschel mit dem Rüssel gerupft und in ihre Mäuler gestopft haben, sich langsam trottend ins schützende Dickicht zurückzuziehen. Und unsere Glückssträhne hält an – auf der weiteren Fahrt läuft plötzlich eine kleine rote Red River Hog Familie, rötlich-orangefarbene Pinselohrschweine, vor Rotkäppchen über die Straße. Leider zu schnell für die Kamera, die nur ein paar Umrisse erfassen kann – aber wir sind begeistert. Gabun scheint wohl doch noch beschlossen zu haben, uns von seiner vielfältigen Tierwelt jenseits der am Straßenrand baumelnden Bushmeat-Auslage begeistern zu wollen. Als dann noch eine Herde Black Colobus Monkeys hektisch die Straße räumt, als wir um eine Kurve biegen, scheint unser Glück perfekt zu sein. Wir beschließen entgegen unseren morgendlichen Plan heute schon in Richtung Grenze der Republik Kongo aufzubrechen, doch nochmals einen zweiten Abstecher gen Meer zu unternehmen. In der Hoffnung auf ein unberührtes Fleckchen am Meer, das zum Campen und Verweilen einlädt, biegen wir also nicht wieder zurück auf die Hauptstraße gen Tchibanga, sondern fahren der kleinen Landzunge Mayumba am atlantischen Ozean entgegen. Als wir gegen mittags das Meer und die dort gelegene kleine Hafenstadt erreichen, holen wir uns als erstes ein paar Schmalzkuchen für unsere knurrenden Mägen und biegen dann nach links ab – einem Weg, der zu einem alten Flughafen führt. Dieser scheint schon länger nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Die kleine Ankunft- & Wartehalle wirkt verwaist und heruntergekommen und auf dem Rollfeld steht hohes Gras. Hier möchte man nicht freiwillig landen müssen. Da laut Google Maps noch eine ca. 20 kilometerlange Straße entlang am Meer in Richtung kongolesischer Grenze verlaufen soll, versuchen wir unser Glück auf der Suche nach einem ruhigen, idyllischen Fleckchen. Doch schon nach einem Kilometer hinter dem kleinen Flughafen ist Schluss. Eine herrschaftliche, aber mindestens genauso verfallen wirkende Gebäudeanlage direkt am Meer versperrt die Weiterfahrt. Was nun? Zwar wirkt das Gelände unbewohnt, doch erscheint es uns sehr dreist einfach durchs Privatgelände zu fahren. Kurzerhand beschließen wir also zu Fuß auf Erkundungstour zu gehen und herauszufinden, ob hinter dem Haus tatsächlich die eingezeichnete Straße weiterführt. Doch schon nach wenigen Metern, die wir auf dem Privatbesitz gegangen sind, werden wir von lauten Rufen gestoppt. Ein nur leicht bekleideter Mann, der scheints gerade frisch aus dem Bett gefallen zu sein scheint, kommt uns freundlich grinsend und winkend entgegengelaufen. Schnell stellt sich heraus, dass er und seine Frau, die kurze Zeit später ebenfalls an seiner Seite auftaucht, aus Ghana kommen und hier den Grund bewachen und sich um dessen Erhalt kümmern. Zweiteres scheint uns bei diesem verlotterten Zustand des Gebäudes allerdings fraglich. Wir erfahren, dass das Grundstück dem Wirtschaftsminister des Landes gehört und dieser sich in unregelmäßigen Abständen hierher einfliegen lässt. Sobald sie von seinem Eintreffen hören, machen sie sich daran, die Zimmer und das Gelände herzurichten und für den ein oder anderen Staatsbesuch auf Vordermann zu bringen. Dabei erzählen sie uns, dass unter anderem chinesische Geschäftsmänner einmal für mehrere Tage zu Besuch gewesen sind, die zusammen mit dem Minister auf Haifang raus aufs Meer gefahren waren. Riesige Haifische müssen hier in den Gewässern schwimmen und uns wird geraten vom Meer großen Abstand zu halten. Entweder man würde hier von einem Hai erwischt, wenn man nicht zuvor schon von einem der hohen Wellen und der starken Strömung unter Wasser gezogen wurde. Sie selbst wären noch nie hier im Meer gewesen und würden uns das auch nicht raten.

Schlammiges Rotkäppchen mit Blick aufs Meer

Sie selbst scheinen – ausgenommen der unberechenbaren Tücken des Meeres – zusammen mit ihren Kindern hier ein sehr geruhsames und unanstrengendes Leben in einem der Nebengebäude zu verbringen und mit ihrem Los, das sie hierher verschlagen hat, ganz glücklich zu sein. Sie laden uns ein, hier auf dem Gelände die Nacht zu verbringen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Erst vor kurzem sollen zwei andere Overlander hier mehrere Tage verbracht haben. Wir bedanken uns für das freundliche Angebote und versuchen den beiden möglichst höflich beizubringen, dass wir heute noch woanders hinfahren wollen und daher leider nicht bei ihnen übernachten werden. Auch wenn die beiden wirklich sehr herzlich zu sein scheinen, so träumen wir beide mehr von einer Nacht am Meer umringt von Natur und nicht umringt von heruntergewirtschafteten Gebäuden und einem dem Einsturz nahestehenden Swimmingpool. Nach dem kurzen Plausch verabschieden wir uns per Handschlag bei den beiden Ghanaern und spazieren in Richtung Strand. Die Straße, die hinter dem Gebäude einmal existiert zu haben scheint, ist komplett zugewuchert, was unsere Idee hier weiterzufahren schnell in Luft auflösen lässt. Auch der ausgiebige Spaziergang am Strand ist mal wieder ernüchternd.

Wo noch wenige dutzend Kilometer nördlich von hier einer der schönsten Strände der Welt gewesen zu sein schien, ist hier der gesamte Strand zugemüllt. Vor allem alte FlipFlops und Plastikflaschen scheint es in unglaublich großen Mengen anzutreiben. Ein trauriges Zeugnis des Müllproblems auf diesem Planeten. Dazu kommt, dass keine der Plastikflaschen, die hier angeschwemmt wurden, aus Gabun zu kommen scheint. Alle Flaschen haben entweder Südafrika oder die demokratische Republik Kongo als Herstellungsland aufgedruckt. Wir sind entsetzt über so viel Müll an einem eigentlich so unberührten und unbewohnten Fleckchen Erde! Wir sind uns einig, dass dies sicherlich nicht der erhoffte, gemütliche Wildcamping Platz ist, den wir uns zum Ausruhen gewünscht haben. Und so springen wir also wieder zurück in unser Auto und es geht zurück über Tchibanga in Richtung Ndende – der Grenzstadt, über die wir am nächsten Morgen in Richtung Republik Kongo aufbrechen wollen. Als der Hunger und die Hitze zu groß werden, bleiben wir spontan bei einem kleinen Haus am Straßenrand stehen. Dort sind zwei Plastiktische liebevoll in einem kleinen Garten aufgebaut worden und das Restaurant bzw. sein Besitzer scheinen sehnsüchtig auf Gäste zu warten. Der nette Eigentümer dieser „zwei Tisch Gastronomie“ freut sich überschwänglich über unseren Besuch und serviert uns nach kurzer Wartezeit Attieke (fermentierter Maniokbrei, der zum Fermentieren und Trockenen in die sengende Mittagshitze gelegt wird). Dazu gibt’s Fisch in Tomaten-Zwiebelsoße und zwei gift-orange-farbige Limos. Trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Geschmacks des vergorenen Maniokbreis sind wir begeistert von diesem unscheinbaren kleinen Restaurant. Schade, dass es hier kaum Gäste geschweige denn Touristen zu geben scheint, die in den Genuss der liebevoll zubereiteten, einheimischen Küche kommen können.

Nach weiterer stundenlanger Fahrt finden wir endlich einige Kilometer vor der Stadt Ndende eine kleine Sand- und Gesteinsbucht, die hoch genug ist, um unser Auto dahinter gut geschützt vor fremden Blicken zu verstecken. Während sich Max um das Lagerfeuer kümmert, bereite ich Safou zu – eine lilafarbene Frucht, die auch Atanga, afrikanische Pflaume oder Buschbutterbaum-Frucht genannt wird. Diese hatten wir zwei Tage zuvor an einem Marktstand erstanden und uns erklären lassen, dass man sie lediglich einige Minuten im Salzwasser kochen müsse, bevor man sie genießen könne. Doch entweder haben wir die französischen Kochanweisungen der Marktfrau falsch verstanden, oder unser Gaumen ist einfach nicht gemacht für dieses exotische Gemüse. Der beschriebene Geschmack nach einer mit Zitrone gewürzten Avocado bleibt aus. Vielmehr schmeckt das Gemüse bitter und ungenießbar. Naja, ein Versuch wars wert!

Safou oder afrikanische Pflaume

Nachdem das kleine Lagerfeuer runtergebrannt ist und es stockdunkel um uns rum wird, klettern wir in unser Dachzelt. Nicht ohne noch ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken, dass doch bitte die dunklen Regenwolken ohne weitere Regenschauer an uns vorbeiziehen mögen. Im Dachzelt liegend gönnen wir uns noch eine Folge „The handmaid’s tail“. Wenn man nicht gerade im Nirvana irgendwo in Gabun in einem Dachzelt neben der nicht wirklich befahrenen Hauptstraße des Landes liegen würde, könnte man fast denken zuhause zu sein. Mit diesem Gedanken und wieder einmal vielen Eindrücken und Erfahrungen des Tages im Kopf, schlummere ich ein.