Westsahara – ein wüstenhaftes Land im Schwebezustand

Heute starten wir in die Westsahara – ein Landstrich, der aktuell in einem politischen Schwebezustand ist. Nach Ende der Kolonialzeit unter den Spaniern 1975 sollte eigentlich eine Aufteilung des Landes vollzogen werden, wobei der Norden an Marokko und der Süden an Mauretanien übergehen sollte. Doch daraus wurde nichts. Die Befreiungsfront Polisario stand für die Unabhängigkeit des Landes ein und wehrte sich gegen die Teilung des Landes. Daraufhin beschloss Mauretanien auf seinen Anteil des Landes zu verzichten, während Marokko gut 2/3 der Westsahara annektierte mitsamt seinen großen Bodenschätzen. Bis heute teilt eine mehr als 2.500 Kilometer lange, zum Teil vermiente Mauer den marokkanischen Teil des Landes von der restlichen Westsahara ab, um die Polisario fernzuhalten.
Aus Angst um eine von der UNO geforderte Abstimmung über den Verbleib der Westsahara, versucht nun Marokko zunehmend Marokkaner zum Leben und Verbleib in der Westsahara zu motivieren, um sich einer Mehrheit der Bevölkerungsstimmen sicher zu sein. Davon zeugen auch die immer wieder befremdlich wirkenden, verwaist stehenden Straßenbeleuchtungen und Stromzähler, die scheints in Windeseile hochgezogen wurden, ohne dass eine Straße geschweige denn ein Haus sichtbar wäre.

Für Touristen ist nur der marokkanische Teil des Landes zu bereisen, da nahe der Grenzmauer immer mit lebensgefährlichen Übergriffen zu rechnen ist. Traurig, welche Konflikte und Probleme die Kolonialmächte in Afrika zurückgelassen haben, vor allem, wenn diese wie im Falle der Westsahara nicht in absehbarer Zeit zu lösen zu sein scheinen.

Der nächste Tag verspricht gut zu werden. Der Reiseführer beschreibt auf der Strecke interessante Vogelspots mit u.a. Flamingos und diversen Zugvögeln, die den kalten Winter Europas lieber in südlichen Gefilden verbringen. Allerdings macht uns der Wind einen Stich durch die Rechnung. Dieser hat bereits nachts angefangen stark zu wehen und unser kurzer Kaffee-Spot oberhalb einer Flamingo-Bucht wird zur Windpeitsche. Schnell weg von hier.

Auch der Nationalpark in nähe der Küstenstraße ist zwar landschaftlich schön, allerdings haben sich die meisten Vögel wohl versteckt und der Wind vertreibt uns ebenfalls ziemlich schnell.

Nach zig Kilometern Fahrt setzt bei uns zunehmend Müdigkeit ein und wir machen einen Kaffeestopp in der Stadt Tarfaya, die zwecks des Piloten und Schriftstellers Antoine de Saint Exupery Berühmtheit erlangt hat. Dieser sorgte damals in der Westsahara für die Auslösung von notgelandeten Piloten, die von Nomaden-Stämmen gefangen gehalten wurden. Zudem ist er für sein Werk „Der kleine Prinz“ weltweit bekannt geworden. Zwar beschließen wir das von außen sehr wenig einladende Museum des Schriftstellers links liegen zu lassen, gönnen uns aber bei der Weiterfahrt per Spotify den kleinen Prinzen als Hörbuch, was inmitten von endlosen Wüstenlandschaften sehr passend ist.

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Der kleine Prinz

Gegen frühen Nachmittag erreichen wir schließlich das Beduinen-Camp, das am Fuße eines ausgetrockneten Salzsees liegt inmitten einer komplett unwirtlichen Landschaft. Den Namen hat das Camp übrigens von den umliegenden kleinen Nomaden-Zelten, die man ebenfalls mieten kann. Wir bleiben aber Rotkäppchen treu und übernachten wieder einmal im Dachzelt. Bevor es allerdings soweit ist, ziehen wir uns die Wanderschuhe an und starten eine Wanderung über den ausgetrockneten Salzsee. Nach einigen Minuten Wanderung sieht man das Camp nicht mehr und wir sind vollkommen mutterseelenallein irgendwo im Nirgendwo – nur Hitze, fester, salziger Sandboden und ein kräftiger Wind umgeben uns. Eine Erfahrung, die man so auch nicht alle Tage macht/machen darf.

Nach der Wanderung wollen wir uns erst einmal eine schöne kühle Dusche gönnen. Doch wer hätte das gedacht – nicht nur dass kochend heißes Wasser aus der Leitung kommt, sondern das Wasser ist zudem salzig! Naja, das hätten wir uns ja auch irgendwie denken können bei einem Salzsee…

Abends treffen noch ein paar Overlander (=Reisende, die genauso wie wir in einem ausgebauten Auto über mehrere Landesgrenzen hinweg reisen) am Camp ein und teilen einige Erfahrungen mit uns, die sie in Mauretanien, Senegal und Gambia gemacht haben. Schon lustig dieser Menschenschlag, der so ganz anders als die bisher getroffenen Wohnmobil-Camper, herzlich, etwas verrückt und sehr offen für alles und jeden zu sein scheint.

Nach trockener Wüstenlandschaft, dürstet es uns wieder nach Meer. Und so geht’s nach einem reichhaltigen Beduinen-Frühstück in El Aaiun (u.a. mit Kamelmilch und Mandel-Argan-Paste) weiter entlang der Küste bis zu einem Schiffswrack.

Beduinenfrühstück mit Kamelmilch und allen möglichen bekannten und unbekannten Köstlichkeiten

Das vor Ort stationierte Militär erlaubt uns hier zu campen und so suchen wir am Strand ein schönes Wildcamping-Plätzchen für Rotkäppchen. Am Strand befinden sich immer wieder weiße Dünen aus feinstem Sand, die einfach dazu einladen hier Rumzutollen und Richtung Meer zu Rutschen.

Da ein Abstecher ins Landesinnere aufgrund von mangelnden Straßen und einer wackeligen Sicherheitslage nicht wirklich eine Option ist, geht’s am nächsten Tag weiter entlang der Küstenstraße in Richtung der „Hauptstadt der Westsahara“ – Dakhla. Während wir bei der morgendlichen Anfahrt aufgrund unendlich scheinender Straßen, hin und wieder gesäumt von Windparks nicht glauben können, dass hier im Umkreis eine Großstadt existieren kann, sind wir von Dakhla durchaus positiv überrascht.

An einer Küstenzunge gelegen ist bereits die Anfahrt zur Stadt wunderschön. Buchten mit feinstem Sand und zum Teil gesäumt von Kitesurfern empfangen einen. Und auch die Stadt hat sich rausgeputzt und es wurde ordentlich investiert. Marokko scheint hier einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu wollen, um den Verwaltungssitz mit marokkanischen Mitteln zu festigen. In der Stadt halten wir am Markt an und gönnen uns in einem kleinen Fischrestaurant eine große Fischplatte mit Pommes, Reis, Salat und einigen anderen zum Teil schwer definierbaren Dingen. Es schmeckt köstlich und kostet fast nichts.

Frischer Fisch und Meeresfrüchte „Westsahara-Style“

Danach füllen wir unsere Vorräte an frischen Gemüse und Obst auf und machen uns dann auf die Suche nach einem geeigneten Stellplatz. An einer kleinen Bucht zwischen anderen Wildcampern, die primär aus Surfern bestehen und hier bis spät abends in die Wellen stechen, finden wir ein Plätzchen und genießen den abendlichen Sonnenuntergang.

Nach einer kurzen Überlegung, ob wir nicht ein paar Tage einen Kite-Surf-Kurs machen sollen, da hier in Dakhla die Bedingungen für Anfänger traumhaft scheinen, verwerfen wir diesen Gedanken nach einer erneut windigen Nacht und fahren Weiter gen Mauretanien. Die Fahrt ist eintönig und wir sind froh, als wir endlich kurz vor der Grenze ein malerisches, kleines Fischerdorf namens Bir Gandouz erreichen, wo wir stehen bleiben wollen. Doch der Schein trügt – trotz leergefegter Straßen und verschlafen wirkenden Fischerhütten, sind wir hier nicht alleine. Kaum biegen wir die kleine, sandige Piste Richtung Strand ab, empfangen uns schon von Weitem mehrere dutzend, weiß leuchtende Tupperdosen aka Franzosen-Wohnmobile. Es ist ein Graus, wo es diese französischen Rentner mit ihren Mobilen überall hinschaffen. Und tatsächlich haben sie es sich hier wohnlich eingerichtet – von abgesteckten Vorgärten, über Quads (sehr wichtig, um damit die Camper-Toiletten ausleeren zu fahren!) und weiteren Schnick-Schnack scheinen sie hier mehrere Monate zu verbringen. Dabei ohne großartig mit der Nachbarschaft ins Gespräch zu kommen und ohne einen Gedanken an die Müllentsorgung zu verschwenden. Man wirft diesen einfach einige Meter vor den Camper und flüchtet dann wieder in sein weißes Zuhause, um anschließend das französische Fernsehen laut aufzudrehen, das sie natürlich einwandfrei über die mitgebrachte Satelliten-Schüssel empfangen. Gut dass wir hier nur eine Nacht verbringen müssen. Und selbst wenn die vorgelagerte Felsküste eigentlich wunderschön ist und zum Verweilen einlädt, sind wir froh am nächsten Morgen früh losbrechen zu können – auf gen Mauretanien!